Mario sitzt schief auf einem dunkelbraunen Holzstuhl mit Leder in der Mitte der Rückenlehne im SBB-Speisewagen, die Ellenbogen auf dem weissen Stofftischtuch abgestützt, der linke Zeigefinger berührt die Schläfe, mit der rechten Hand wischt er sich immer wieder über die Stirn.
«Ich vermisse dich auch schrecklich. Nur noch ein paar Tage, mi Amor», flüstert der Mann neben Mario ins Telefon in einer quickenden Tonlage, die daran erinnert, wie mit kleinen Kindern gesprochen wird, und grinst dabei so breit, sodass Mario ihn nicht länger angucken, nicht länger anhören will. Er steht auf, schüttelt den Kopf, und setzt sich zwei Tische weiter.
Mario ist vor 2 Stunden in Zürich gelandet. Nach 5 Jahren Entwicklungshilfe in Bolivien hat ihn seine Organisation zurückbeordert.
Mario schaut durch seine randlose Brille auf den vorbeiziehenden grauen Zürcher Agglosumpf. Er verzieht den Mund und reibt mit den Händen über seine Augen.
Die Landschaften Boliviens wecken in Mario Erinnerungen: türkisblaue Seen in erloschenen Kratern, grüne Andenhügel, endlose Kaffeeplantagen. Und die Cocaplantagen. Er denkt daran, wie die Pflanze mit den grünen Blättern von einem Heilmittel der Einheimischen zu einem lukrativen Geschäft für Kriminelle wurde, deren Geld in den Banken vor seiner Nase gewaschen wird.
Mario dreht den Kopf leicht. Ganz hinten im Wagen sitzt eine junge Frau, die ununterbrochen auf ihrem Stuhl hin- und her wackelt. Sie bemüht sich, ruhig zu atmen, schlägt ihre Beine übereinander, zittert mit dem Fuss, drückt ihre Hände immer wieder an den Nacken – so als wolle sie etwas aus ihrem Kopf bugsieren. Die Frau beginnt wie verrückt zu schwitzen, dann wird sie von Trauer heimgesucht und rennt heulend aus dem Speisewagen.