Ein Kutscher kämpft um seine Existenz. Mit fatalen Folgen.
Ungeduldig stapft der Kutscher umher. Der Winter hat die Alpenwelt in weiss gehüllt. Neben ihm steht sein Pferd, ein Warmblüter, eingespannt vor einem Holzschlitten, auf dem dicke Wolldecken liegen. Der Kutscher wartet vor dem Eingang des Hotels Bellevue in Andermatt. Er bestreitet seinen Lebensunterhalt mit dem Geld, das er für Transporte über den Gotthard einnimmt. Heute hat er noch keinen einzigen Gast, und auch sonst Nichts, transportieren können. Der Kutscher lockert den Knoten seines roten Wollenschals, greift in seine Jackentasche, steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zieht, bis sie glimmt.
Vor einigen Jahren ist der Gotthardtunnel eröffnet worden. Dieser ist eine grosse Konkurrenz für den Kutscher geworden, weil immer weniger Gäste über den Pass fahren. Der Tunnel spart Zeit und die Reisenden müssen nicht mehr frieren im Winter. Der Kutscher legt seinen Kopf in den Nacken und betrachtet den Himmel. Die Dämmerung setzt bald ein. Der Wind pfeift in seinen Ohren. Dieses Geräusch kennt er seit Kindertagen; er ist am Fusse des Gotthards gross geworden. Nach dem letzten Zug spickt der Kutscher den Zigarettenstummel weg. Wie soll es mit seiner Arbeit weitergehen?
Plötzlich tut sich was beim Hotel.
Jemand schiebt die schwere Holztüre von innen auf. Ein Lichtkegel fällt durch den Spalt. Dann treten uniformierte Diener auf den Vorplatz. Sie stehen Spalier. Ein englischer Handelsreisender namens Mr. Rigsby verlässt das Hotel, gefolgt von einer jungen Begleiterin. Mr. Rigsby ist unwesentlich grösser als sie, aber viel älter; ein Mann von untersetzter Statur und mit freudloser Visage mit runder Brille und Schnauz. Die Frau hingegen besitzt ein anmutendes Gesicht. Mr. Rigsby sagt, sie ist seine Tochter, was ihm aber niemand glaubt.
Mr. Rigsby und seine Begleiterin schreiten auf den Kutscher zu, die Diener begeben sich in das Hotel zurück. Der Page verriegelt die Türe. «Airolo» murmelt Mr. Rigsby, und setzt sich auf den Schlitten, lehnt sich zurück, seine Begleiterin tut es ihm gleich. Der Kutscher, nimmt die Zügel in die Hand, schnalzt zweimal mit der Zunge, der Warmblüter wiehert und trabt Richtung Gotthardpass. Der Kutscher weiss, dass Fahrten kurz vor der Dämmerung wegen der schlechter werdenden Sicht gefährlich sind. Trotzdem wagt der Kutscher die Fahrt – Mr. Rigsby ist sein erster Fahrgast heute. Der Kutscher hat schon etliche Handelsreisende über den Gotthard und zurück gebracht, und doch: So einer wie Mr. Rigsby ist ihm noch nie begegnet. Seltsam, denkt der Kutscher. Er fühlt sich unbehaglich, blickt immer wieder kurz nach hinten, sodass es seine Fahrgäste nicht bemerken. Wortlos sitzen Mr. Rigsby und die Frau auf dem Schlitten und starren ins Nichts.
Der Kutscher weiss nicht genau, was bei ihm das schlechte Gefühl auslöst. Vielleicht, weil der Handelsreisende Mr. Rigsby ohne Gepäck reist. Der Kutscher führt den Schlitten mit gleichbleibender Geschwindigkeit nach Hospental. Immer noch haben die Fahrgäste kein Sterbenswörtchen von sich gegeben. Der Kutscher fragt seine Fahrgäste am Dorfeingang, ob sie rasten möchten. So hofft der Kutscher, die Fahrt unterbrechen zu können und seine Gäste davon zu überzeugen, diese am nächsten Tag, bei geeigneter Witterung, fortzuführen. Doch die Gesichter regen sich weiterhin nicht; weder Mr. Rigsby noch die junge Frau sagen irgendetwas.
Vorbei fährt der Schlitten nun am letzten Flecken Zivilisation. Die Auffahrt zum Pass beginnt. Der Schnee unter dem Schlitten knackst, an einigen Stellen auf der Strasse ist er zu Eis erstarrt. Der Kutscher muss den Schlitten genau führen; der Weg ist schmal, daneben geht es fast senkrecht in die Tiefe. 100 bis 200 Meter, gelegentlich etwas mehr. Immer wieder stürzen hier Menschen in den Tod. Weil die Kutscher oft alkoholisiert und unachtsam sind, weil Steinschläge und abrutschendes Geröll immer wieder Reisende auf den Kopf fällt. Alleine diesen Winter haben Lawinen am Gotthardpass über 50 Todesopfer gefordert. Das weiss der Kutscher, sagt aber nichts davon seinen Fahrgästen. Das letzte Mal, als er etwas davon erzählte, weigerten sich seine Gäste, weiterzufahren.
Auf der Passhöhe herrscht dichter Nebel. Der Kutscher sieht keine 10 Meter weit. Er unternimmt einen erneuten Versuch, seine Fahrgäste zu einem Unterbruch zu bewegen, und erneut erhält der Kutscher keine Antwort. Wieder zieht ihm dieser seltsame Wind um die Ohren. Er kennt diese Geschichten, die man sich unter Einheimischen erzählt; der Wind, dieser Wind, kündigt Unglücke an. Aus der Ferne vernimmt der Kutscher dumpfes Grollen. Es sind Lawinen, die in die Täler donnern. Die Berge rächen sich dafür, dass sie für den Tunnel durchlöchert worden sind.
Auf der Tessiner Seite des Gotthardpasses drückt die Abendsonne durch. Der Kutscher ist in Gedanken bereits am Ende seines Arbeitstages. Er stellt sich vor, wie er zu Hause vor dem Kamin sitzt und sich das Gesicht und die Hände wärmt. In abnehmender Höhe wird die Sicht klarer. Trotzdem gerät der Schlitten auf einer glatten Stelle ausser Kontrolle. „Zur Seite“, ruft der Kutscher. „Passt doch auf“, schnaubt ein schnauzbärtiger Mann mit Hut und Gehstock. Er hatte frühzeitig erkannt, dass der Kutscher die Macht über den Schlitten verlor und sich mit seinem Pferd an die Innenseite des Weges gestellt. Beim Vorbeifahren gibt es einen Moment, an dem sich die Blicke des Kutschers, Mr. Rigsby’s und der jungen Frau mit demjenigen des Mannes treffen. Mr. Rigsby, dicht eingepackt unter der Pelzmütze, hat nur Verachtung übrig. Seine junge Begleiterin und der Kutscher schauen freundlich; sie schätzen den Lichtblick in dieser untröstlichen Umgebung. Der Mann erkennt seine frühere Geliebte wieder. Die junge Frau weiss allerdings nicht, dass Mr. Rigsby darüber Bescheid weiss, weil der Mann ein Geschäftspartner von ihm ist.
Der Kutscher dreht seinen Oberkörper leicht zur Seite, so dass er mit einer Kopfbewegung nach hinten sehen kann. «Was ist los?», fragt der Kutscher Mr. Rigsby. Kein Wort, keine Reaktion. Der Kutscher denkt, der ist wohl eingefroren. Mr. Rigsby kann sich das leisten. Er kann es sich leisten, einen Kutscher mit Pferd und Schlitten zu engagieren. Er muss sich die Finger nicht schmutzig machen, muss nicht durch den Schnee stapfen und kein Pferd den Pass hinauftreiben. Er muss sich nicht anstrengen. Wenn jemand zu Fuss kommt, wie der Mann mit dem Gehstock, muss er ausweichen – in die Gosse aus Schneemasse.
Noch eine grosse Kurve. Die letzte. Dann ist die Kutsche unten in Airolo angelangt. Ein dumpfes Grollen ist hörbar. Doch dieses Mal ist es nicht in der Ferne, sondern ganz nah. Eine Lawine donnert den steilen Hang hinab und reisst den Weg mit sich und begräbt den Kutscher, sein Pferd, seinen Schlitten, Mr. Rigsby und die Frau unter sich. Sie wurden nie mehr wiedergesehen.
Dieser Text entstand zur Ausstellung Von Früh bis Spät – Bilder des Alltags aus der Sammlung des Kunstmuseums Luzern.
Das Gemälde Die Gotthardpost im Winter (1892) von Hans Bachmann (1852 – 1917) datiert 10 Jahre nach der Eröffnung des Gotthardtunnels. Das Malen war ein Versuch, die von der zunehmenden Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert sich verändernden Reisegewohnheiten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Viele der Werke der Sammlung von Von Früh bis Spät – Bilder des Alltags zeigen romantische Verbrämungen erbarmungsloser Lebensrealitäten; sie bedienen idyllische Heimatklischees, welche die Nöte und existenziellen Probleme des 19. Jahrhunderts in der verarmten Schweiz ausblenden.