Der Dokumentarfilm «Der Meienberg» zeichnet ein Portrait eines aussergewöhnlichen Journalisten, und zeigt, was Sprachgewalt in der Öffentlichkeit anrichten kann. Der Mensch Niklaus Meienberg ist dabei leider etwas im Hintergrund verschwunden.
«In der Nacht vom 21. auf den 22. September 1993 nahm sich der Schweizer Schriftsteller und Journalist Niklaus Meienberg das Leben. Er hatte sich einen Plastiksack über den Kopf gestülpt.» Der knapp anderthalbstündige Dokumentarfilm «Der Meienberg» von Tobias Wyss aus dem Jahr 1999 beginnt da, wo Niklaus Meienberg (1940 – 1993) aufhörte. «Ich habe übrigens in 52 Jahren mehr erlebt als andere in 100. Und möchte nun mein Verschwinden selbst bestimmen. Das ist meine Freiheit», liest seine Schwester Ursi Grütter-Meienberg aus dem Abschiedsbrief vor. Im Verlauf des Filmes kommen weitere Familienmitglieder, Freundinnen und Arbeitskollegen Meienbergs zu Wort. Zum Beispiel Schriftsteller Franz Hohler, der über seinen Kollegen sagte: «Er war immer wie elektrisch geladen. Um ihn herum hat es geknistert vor Spannung wegen den Dingen, mit denen er sich beschäftigt hat. Diese trug er um sich wie ein Energiefeld.»
Meienberg war in der Schweizer Öffentlichkeit vor allem in den 1970- und 1980er-Jahren als Autor, Journalist und Historiker präsent. Er ist besonders für seine Reportagen und Texte zur Zeitgeschichte bekannt, die zur Meinungsbildung der Schweiz im 20. Jahrhundert beigetragen und Kontroversen ausgelöst haben. Der Film bettet ihn und sein Werk in die Dialektik der damaligen Ereignisse und in das Klima der Schweiz ein. Für Schweizer Verhältnisse untypisch hatte Meienberg eine stark subjektiv geprägte Haltung in seine Texte einfliessen lassen. Wegen dieser Haltung musste er sich schon zu Lebzeiten verteidigen, wie Archivaufnahmen dokumentieren. 1976 erhielt er sogar ein Schreibverbot im «Tages-Anzeiger».
Immer wieder tragen Gefährten Meienbergs Exzerpte aus seinen Werken vor: Alt-Korpskommandant Josef Feldmann etwa liest aus «Wach‘ auf du schönes Vögelein» (Meienbergs erinnert sich an die Weihnachtszeit als Kind bei seiner Familie); Germanist Peter von Matt aus «Ein langer Streik in der Bretagne»; Laure Wyss aus «Rue Ferdinand Duval, Paris 4e»; und Meienberg selber liest aus seiner Reportage «Gespräche mit Broger und Eindrücke aus den Voralpen» (Persönlich, Radio DRS, 1976). Bei der Passage «Er war mir als innerrhodische Saftwurzel geschildert worden, als appenzellische Landesgottheit, als politischer Alpenbitter» können einige Hörer im Hintergrund ihr Lachen nicht verkneifen.
Viele Stationen, nur nicht Fribourg
Private Portraitfotos im Zeitraffer, Archivaufnahmen, Ausschnitte aus Fernseh- und Radiosendungen und Interviews ergänzen die Dokumentation und führen durch einige von Meienbergs wichtigsten Lebensstationen: St. Gallen, Disentis, Paris, Zürich, Oerlikon. Meienberg selber schildert seine Erlebnisse, unter anderem solche aus seiner Kindheit und der Klosterschule Disentis. Doch weshalb war seine Studienzeit in Fribourg kein Thema für den Film?
Schade ist auch, dass die Genealogie von Meienbergs Denken, das Warum, nicht genauer untersucht wird. Freilich, er rieb sich an den herrschenden Verhältnissen auf, um mit seiner ganzen journalistischen Arbeit «denjenigen Leuten das Wort zu geben, die sonst das Wort nicht haben. Solche sogenannten einfachen Leute», wie er an einer Diskussionsrunde von «Unter uns gesagt» im Jahr 1977 im Fernsehen DRS selber sagte. Doch wo und wann die Zäsuren in seinen jungen Jahren stattfanden, bleibt ein Fragezeichen. Was könnten die Ursachen für seine frühen Depressionen gewesen sein? Später wird es etwas klarer. Meienberg wird einerseits als bewusster Provokateur geschildert, der andererseits sensibel und verletzlich war, gefangen im Dilemma, von der Gesellschaft, die er kritisierte, Anerkennung zu gewinnen. Nach mehreren Schicksalsschlägen anfangs der 1990er-Jahre (Verfolgungswahn während des Golfkriegs, persönlicher Überfall, Tod der Mutter, Werkverriss in der NZZ, Motorradunfall) habe er sich nicht mehr richtig erholt. An eine innere Veränderung habe er nicht geglaubt.
Damalige Kritisierte blieben stumm
Für eine noch umfangreichere Darstellung des Autors, aber auch des Menschen Niklaus Meienberg, hätte man dem Film gewünscht, dass auch angefragte Persönlichkeiten wie Kurt Furgler, Hans und Elisabeth Kopp oder Christoph Blocher ihre Sicht kundgetan hätten. Dass sie es nicht taten, ist wohl ein Beweis für Meienbergs brisante Texte.
Der Film vermittelt unverkennbar: Meienberg schrieb, wie er war. «Es ist sehr wichtig, dass es einen packt, wenn man schreibt. Es packt mich wirklich, wenn ich schreibe. Es ist ein wahnsinniges Vergnügen, es ist etwas, fast etwas Erotisches», sagte er in einem französischsprachigen Interview. Dieses Vorbild ist gültig geblieben. Sprachliche Leidenschaft und Mut zur eigenen Haltung sind nötiger denn je, gerade im heutigen Journalismus.