Foster Wallace und ich

Haben Sie schon einmal von David Foster Wallace gehört? Oder besser: etwas von ihm gelesen?

Möglicherweise begegnet Ihnen sein Name dieses Jahr. Sein Tod jährt sich im September zum 10. Mal. Der Schriftsteller hatte sich 2008 46-jährig in seinem Haus in Kalifornien erhängt.

Zwischenbemerkung: Meine Psychiaterin könnte diesen Text als Ablenkungsmanöver interpretieren – ich weiche Persönlichem gelegentlich aus und gebe nicht so viel von mir preis, wobei wir schon mitten im Thema sind.

Im Büchlein «Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur üblen Sache» schreibt der junge Foster Wallace über seine Depressiven-Karriere: Halluzinationen, Alkohol, Klinikaufenthalte, Medikamente, Elektroschocks. Foster Wallace findet anschauliche Bilder für die Qualen eines depressiven Menschen, für die «Ein-Mann-Hölle». Er selbst kämpfte lebenslang gegen schwere Depressionen, wobei auch von Nicht-Kämpfen gesprochen werden darf, denn bei Depressionen fühlt man nicht mehr viel, ausser, um Foster Wallace’s Wörter zu verwenden, «als wäre jeder Zelle und jedem Atom oder jeder Gehirnzelle oder was weiss ich so schlecht, dass sie kotzen will, aber nicht kann, und so fühlen Sie sich die ganze Zeit».

Diese frühe Erzählung gipfelte rund 15 Jahre später in seinem Roman «Unendlicher Spass» (die deutsche Übersetzung umfasst 1500 Seiten), worin er mitunter eine nach wie vor gültige Analyse unserer Zeit liefert, oder genauer gesagt, Neurosen unserer Gesellschaft überspitzt; die sinnentleerte Konsum- und Unterhaltungssucht; die Unfähigkeit des modernen Menschen, Langeweile zu ertragen.

Foster Wallace war ein wortgewaltiges Sprachgenie; getrieben von einer präzisen Sprache, er kreierte Neologismen, benutzte Dutzende Fachlexika, sprengte Gesetze des Satzbaus und beendete Absätze auch mal mittendrin. In seinen Texten gibt es kaum stringente Erzählmuster. Nur zu Leben war er zuweilen unfähig. Er litt unter der Unmöglichkeit, eine komplexe Welt beschreibend zu bewältigen. Und ich vermute, dass er auch an seiner Weltsicht krankte. «In Wahrheit», heisst es in «Good Old Neon», «ist das Sterben nicht schlimm; es dauert nur ewig lange. Und ewig nimmt keine Zeit in Anspruch.»

Einmal sagte er, er sorge sich nicht darum, worüber er schreiben soll, sondern sorge sich über die Zeit, während der er nicht schreibt. Sie verstehen das nicht? Ich auch nicht.

Zum Jahresbeginn erstellten die Redaktionsmitglieder des Urner Wochenblattes Kolumnen. Dieser Text wurde nicht publiziert.


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