Filmkritik: I, Daniel Blake

Ein Film, der wütend macht

Studiofilm | 17. Altdorfer Dezembertage

Das Cinema Leuzinger zeigte am Mittwochabend das Sozialdrama «I, Daniel Blake» als Schweizer Premiere. Das Schicksal der Protagonisten berührt. Und es kann jeden treffen.

Mit «I, Daniel Blake» gewann der britische Filmemacher Ken Loach im Mai die renommierte Goldene Palme des Internationalen Filmfestivals von Cannes – zum zweiten Mal in seiner Karriere nach der Auszeichnung des IRA-Dramas «The Wind That Shakes the Barley» vor 10 Jahren. Er beschenkte sich damit gleich selbst zu seinem 80. Geburtstag, und für seine Rastlosigkeit. Der Regisseur bringt seit 50 Jahren Filme auf die Leinwand, die im Zeichen des Klassenkampfes stehen.
Dem überzeugenden Marxisten ist es immer wieder gelungen, die abstrakte Theorie des Klassenkampfes anschaulich in Bilder zu übersetzen und konkret zu zeigen, was es für Menschen bedeutet, dem Kapitalismus mit seiner ökonomischen Maxime des Profits ausgeliefert zu sein. An Aktualität gewinnt im Zusammenhang mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten zum Beispiel sein Film «Brot und Rosen», der von illegalen mexikanischen Einwanderern in den USA handelt.

Das Schicksal des titelgebenden Daniel Blake (Dave Johns) steht exemplarisch für Tausende von Menschen, die älter als 50 Jahre alt und aus dem Arbeitsleben geschieden sind. Daniel Blake ist weit über 50, Handwerker, verwitwet und stammt aus einer nordenglischen Industriestadt.

Nach einem Herzanfall wird er vom Arzt für unbestimmte Zeit krankgeschrieben. Um seinen Anspruch auf staatliche Unterstützung zu beantragen, muss Daniel Blake unzählige Fragebogen ausfüllen und gerät in die bürokratische Mühle. Und jetzt beginnt das Drama für Daniel Blake, für das er so gar nichts dafürkann. Hilflos sieht er sich einem mürbe machenden Behördenapparat gegenüber, der willkürlich agiert, der von ihm sinnlose Tätigkeiten verlangt, damit er seine Bezüge erhält; von ihm, der sein Leben lang brav seine Rechnungen gezahlt hat. Den gleichen aussichtslosen Kampf führt die alleinerziehende Katie Morgan (Hayley Squires), der die staatliche Unterstützung gekürzt worden ist und aus ihrer Wohnung in London geworfen wurde und die nicht mehr weiss, wie sie ihre kleinen Kinder Daisy (Briana Shann) und Dylan (Dylan McKiernan) durchbringen soll. Als Daniel Blake sich für sie versucht beim Amt einzusetzen, wird er selber rausgeschmissen. Solidarisch versuchen sie nun, sich gegenseitig zu unterstützen.

Ken Loach schafft es, die absurden Vorgänge hinter den Statistiken über soziale Ungerechtigkeit sicht- und spürbar zu machen. Daniel und Katie gewinnen die moralische Unterstützung der Zuschauer.

Schliesslich erhält Daniel seinen angestrebten Beurteilungstermin. Endlich. Auf diesen hat er den ganzen Film lang hingewirkt. Katie begleitet ihn. Im Vorzimmer wird Daniel nervös. Das Ergebnis des Gespräches entscheidet über seine Zukunft. Er geht sich nochmals frischmachen, erleidet einen weiteren Herzanfall, bricht zusammen, und stirbt.

Aussenseiter, Arbeitslose, Verlierer, kleine Leute wie Daniel Blake. Auf sie lenkt Ken Loach den Fokus der Zuschauer. Dies ist die Konstante seiner sozialkritischen Geschichten, die der Altmeister des cineastischen Klassenkampfes nicht mit politischer Absicht erzählt, sondern eher versucht, den Protagonisten etwas menschliche Würde zurückzugeben.


Eine kürzere Version dieses Artikels erschien am 17. Dezember 2016 im Urner Wochenblatt.

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