Gnädinger macht den Sommer gross
Studiofilm | 17. Altdorfer Dezembertage
«Der grosse Sommer» zeigt Mathias Gnädinger in seiner letzten Rolle. In der Komödie reist er als Ex-Schwinger widerwillig nach Japan und bringt sich mit seiner Vergangenheit ins Reine.
Im Cinema Leuzinger lief am Dienstagnachmittag der neue Film des Schweizer Regisseurs Stefan Jäger, «der grosse Sommer», der im Dezember 2015 in Tokio Weltpremiere feierte. In diesem übernimmt Mathias Gnädinger die Rolle des ehemaligen Schwingerkönigs Anton Sommer. In die Jahre gekommen und von der Öffentlichkeit vergessen, lebt er zurückgezogen in einer Mietwohnung in der Berner Provinz. Mit Schwingen will er nichts mehr zu tun haben. Warum, verrät der Film spät, und verpasst es dennoch, Spannung aufzubauen, weil der Grund gar nichts mit der Handlung zu tun hat.
Im gleichen Haus über Anton Sommer lebt der 10-jährige Waise Hiro (Loïc Sho Güntensperger) mit seiner Grossmutter, der die Liegenschaft gehört. Hiro imitiert in der heimischen Stube fleissig die Sumo-Kämpfe, die er im Fernsehen verfolgt, und strapaziert mit dem Lärm Anton Sommers Nerven, der mit besten Flüchen in Berndeutsch seinen Ärger darüber kundtut, wenn er wieder mal «Gopferdeckel sternesiech, de Leerm!» brüllt.
Nach dem plötzlichen Tod der Grossmutter will Hiro, der das Haus geerbt hat, dass Anton Sommer, den er von nun an «Unggle Toni» nennt, ihn nach Japan begleitet, um dort die beste Sumo-Schule zu besuchen. Weil Anton Sommer sich zunächst weigert, kündigt ihm Hiro mithilfe seines Notars Müri (Hanspeter Müller-Drossaart) die Wohnung. Obdachlos geworden, sieht Anton Sommer keine andere Möglichkeit, als den quirligen Jungen nach Japan zu begleiten. Bedenken der Vormundschaftsbehörde, ob er sich über den potenziellen Kulturschock bewusst sei, quittiert er trocken mit «Wir besuchen eine Sumo-Schule, keine Oper». Doch in Japan angekommen, sieht sich Anton Sommer scheinbar unüberwindbaren kulturellen Differenzen gegenüber. Es ist wunderbarer szenischer Humor: Der stämmige Ex-Schwinger in der Weltmetropole Tokio, verloren inmitten von funkelnden Anzeigetafeln und glitzernden Spielautomaten. «Cheibe Japaner» oder «Chabis» werden zu Anton Sommers Lieblingsausdrücken, wenn dieser seine Hilflosigkeit ausdrückt.
In Japan erinnert sich Anton Sommer an seine vergangene Leidenschaft für den Schwingsport, als er realisiert, wie viel der Traum vom Sumoringen für Hiro bedeutet. Er findet im Land der aufgehenden Sonne zum Lächeln zurück, und schafft es dank dem Jungen, mit seiner Vergangenheit abzuschliessen. Er erzählt Hiro von seinen Schuldgefühlen, die ihn quälen, seit er seinem besten Schwingerkumpel Kurt während eines Kampfes unglücklich das Genick brach – mit der Wut im Bauch, weil ihn seine grosse Liebe 5 Minuten vor dem Schlussgang verlassen hatte. In der Sumo-Schule rät er Hiro, die Aufnahmeprüfung «mit Herz» zu bestreiten, was diesem freilich gelingt. Herz zeigt auch der im Frühling 2015 verstorbene Mathias Gnädinger in seiner letzten Rolle. Nur dank ihm funktioniert der abgedroschene Plot des aufgeweckten Kindes, das einem alten Mann nochmals Leben einzuhauchen vermag. Die Figur des knorzigen Ex-Schwingers verkörpert er rührselig und mit viel Menschlichkeit, wie er das in der Vergangenheit auch schaffte, etwa mit dem «Kommissar Hunkeler» oder in den TV-Serien «Bestatter» und «Lüthi und Blanc».
Eine kürzere Version dieses Artikels erschien am 17. Dezember 2016 im Urner Wochenblatt.
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