Der 20-jährige Bagher Ahmadi aus Afghanistan lebt seit knapp zwei Jahren im Kanton Uri, rund 6500 Kilometer fern von seiner Heimat. Wie es weitergeht, weiss er noch nicht.

Das Haus an der Hauptstrasse in Gurtnellen wirkt verlassen. Die Klingeltaste ist nicht beschriftet. Am Briefkasten kleben kleine Namensschilder. Das macht einen provisorischen Eindruck – so, als würde hier niemand lange bleiben. Bagher Ahmadi öffnet die Türe. Er ist einer von neun afghanischen Flüchtlingen, die hier in einer Wohngemeinschaft leben. Am 30. Juni ist er 20 Jahre alt geworden. Er wohnt seit knapp zwei Jahren im dreistöckigen Haus.
Das Schweizerische Rote Kreuz Uri ist seit 2015 Mieterin der Liegenschaft. Im Haus können insgesamt zehn Flüchtlinge untergebracht werden. Im Inneren dominiert helles Holz. Vor Kurzem ist renoviert worden. Spartanische Einrichtung. Bagher Ahmadi geht in die Küche, schneidet eine Wassermelone in mundgerechte Würfel. Süsslicher Geschmack. Die Sonne scheint auf die trockene Erde im Garten. Tomaten, Salat und anderes Gemüse. Noch ist nichts erntereif. Sonne gibts in Gurtnellen auch jetzt, mitten im Sommer, wenig. Zumal das Haus am Hang unter der Autobahngalerie liegt. Zwischen 12.00 und 16.00 Uhr ist es am besten. Der Garten symbolisiert Hoffnung. Bagher Ahmadi beginnt zu erzählen.
Flucht vor dem Krieg
Bis zum siebten Altersjahr lebt er in Afghanistan. Dann kommt der Krieg. Der Vater stirbt als Soldat im Kampf, die Mutter an Magenkrebs. Mit seinem Bruder und seinem Onkel flieht Bagher Ahmadi in den Iran. Tagelanger Marsch übers Gebirge. Im Iran liegt er zwei Wochen im Koma, trägt einen Hörschaden davon. Sein Pass ist nichts wert. Arbeit mit ausreichendem Lohn finden ist schwierig, sagt er. Diskriminierung. Bagher Ahmadi bleibt elf Jahre. Dann flieht er erneut. Diesmal alleine. Ohne Familie. Über die iranisch-türkische Grenze, nach Ankara mit dem Bus und weiter nach Izmir im Westen der Türkei. Bagher Ahmadi versteckt sich vor der Polizei. «Nicht auffallen. Keinen Krach machen. Das ist wichtig», sagt er. Die Unauffälligkeit ist seine Lebensversicherung. Sein Ziel ist die Schweiz. Er hofft auf eine Operation und Heilung seines Hörschadens. Mit einem kleinen Boot gehts weiter nach Mytilene auf der Insel Lesbos, Griechenland. Das sei seine «kleine Chance» gewesen. Lesbos liegt wenige Kilometer vor der türkischen Küste und macht die Insel zu einem geeigneten Zwischenstopp für Flüchtlinge.
Bagher Ahmadi fährt per Schiff nach Athen. Das Geld wird immer weniger. Es ist Hochsommer. Die Sonne brennt über der Ägäis. Bagher Ahmadi schläft an den griechischen Stränden. Die Reise setzt sich irgendwann fort. Nächstes Ziel ist Ancona an der italienischen Adriaküste. Von dort bringt ein Zug Bagher Ahmadi nach Rom und schliesslich in die Schweiz. Rund 6500 Kilometer liegen hinter ihm. Er ist illegal durch Staaten gereist, hat illegal Grenzen überquert. Das ist ihm bewusst. Unterwegs hat er bei kirchlichen Einrichtungen um Hilfe gebeten und ist mit Schmugglern im Lastwagen mitgefahren.
Auf Stellensuche
In der Schweiz erfährt Bagher Ahmadi zunächst Ernüchterung. Ein Arzt stellt fest: Der Hörschaden ist irreversibel. Eine Operation nützt nichts. Beim Gespräch dreht er immer wieder den Kopf leicht nach links – ein Hörgerät ist an seinem rechten Ohr installiert. Bagher Ahmadi fühlt sich sicher in der Schweiz. Er will eine Ausbildung machen. Am liebsten als Platten- oder Bodenleger. Ungewiss ist, ob er hier bleiben darf. Er hat einen F-Ausweis. Das heisst, er ist eine vorläufig aufgenommene Person mit Zugang zum Arbeitsmarkt. Die vorläufige Aufnahme kann für zwölf Monate verfügt werden und vom Aufenthaltskanton um jeweils zwölf Monate verlängert werden. Ob eine Aufenthaltsbewilligung erteilt wird, hängt davon ab, wie Art. 84 Abs. 5 des Ausländergesetzes auf den einzelnen Fall angewandt wird. Bagher Ahmadi lernt Deutsch in einem Sprachkurs und weiss: Ohne Sprachkenntnisse wird es nicht einfach, eine Stelle zu finden. Zwischendurch hilft die Google-Bildersuche zu übersetzen, oder ein Freund. Gleichzeitig engagiert er sich am «Treffpunkt 26» – ein Vermittlungsprojekt an der Hagenstrasse 26 in Altdorf, wo Einheimische und Asylsuchende ein Bauernhaus renovieren und einen neuen Begegnungsort gestalten. Bagher Ahmadi schätzt diesen Austausch.
Fremde Kultur bereitet Mühe
Das Leben in der Schweiz, in der fremden Kultur, bereitet ihm manchmal Mühe. Er vermisst seinen Onkel und seinen Bruder. Er hält Kontakt zu ihnen. Sie schlagen sich durch. Fabrik, Steinbruch, Strassenbau. Wenn Bagher Ahmadi zurückblickt und über die Situation in Afghanistan spricht, stimmt ihn das traurig. «Nicht gut», findet er, dass die Religion, die in seiner Heimat den Alltag prägt, das Land spaltet. Es ist gerade Ramadan. Bagher Ahmadi hält sich an den Fastenmonat. In einigen Tagen sei dieser vorbei. Dann gibt es ein grosses Fest. Das Fastenbrechen.
Links:
Zum Artikel im Urner Wochenblatt vom 22. Juli 2017
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