Buchrezension: Moshi Moshi

Kann der Alltag heilen?

Der Tod ist ein wiederkehrendes Motiv im Schaffen von Banana Yoshimoto. In «Moshi Moshi» versuchen die Protagonisten, den Selbstmord eines Familienangehörigen zu verarbeiten.

Nein, die Autorin heisst nicht wirklich Banana Yoshimoto. Und das Buch heisst nicht wirklich Moshi Moshi. Aber Yoshimoto Mahoko und Moshi moshi Shimokitazawa klingen verwirrend für westliche Leser. Doch das soll nicht von der Lektüre abhalten. Der Künstlername «Banana» stammt vom Namen der Blüten der «Red Banana Flower» (Bijinsho), in dessen Schöhnheit sich die Autorin laut eigener Angabe verliebte. Shimokitazawa ist ein Stadtviertel in Tokio, bekannt für kleine, unabhängige Modegeschäfte, Kneipen und Live-Musik-Events. Dort ist die Handlung von «Moshi Moshi» – eine japanische Begrüssungsformel fürs Telefon – angesiedelt. Yotchan, eine junge Frau, wird mit dem plötzlichen Selbstmord ihres Vaters konfrontiert. Dieser gewaltsame Tod können weder sie noch ihre Mutter begreifen. Was besonders quälend ist: Die Gründe für die Tat sind unbekannt. Paranormale Phänomene und Albträume suchen daraufhin die Hinterbliebenen heim. In ihrer alltäglichen Arbeit als Kellnerin in einer Kneipe – Essen zubereiten, Spülen, Aufräumen – erfährt Yotchan Trost, ihr Schicksal zu ertragen.

Lebensfreude zurückgewinnen – auf japanisch
Dann steht ihre Mutter vor ihrer Wohnung. Auch sie wird am alten Wohnort vom Geist des Toten heimgesucht. Mit Widerstand nimmt Yotchan sie in ihrem Refugium oberhalb eines Secondhandladens auf. Durch gemeinsame Tätigkeiten, zum Beispiel Kochen und Essen in buddhistischer Manier, finden beide nach und nach zu alter Lebensfreude zurück. Doch sie haben ihre Trauer über den Todesfall noch lange nicht überwunden. Ein Freund von Yotchan’s Vater schlägt eine Geisterbeschwörung am Ort des Selbstmordes vor. Nach Shinto («Weg der Götter»), einer bedeutenden Religion in Japan, müssen sich Verwandte eines verblichenen Menschen aktiv darum kümmern, dass die Totenseele im Jenseits ihren Frieden findet. Als ihr klar wird, dass die Kneipe schliessen muss, begibt sich Yotchan für die Zeremonie nach Ibaraki, in der Hoffnung, dass der Geist ihres Vaters nicht länger ziellos im Diesseits umherschwirrt. Im Roman findet sich mannigfaltige japanische Symbolik wieder: Buddhismus, Shinto, Bushido der Samurai als kulturelles Erbe des vorindustriellen Japans, das Bild des surrealen Künstlerviertels in der Megastadt, der Kirschblütenbaum, die Trauerrituale, die Verschmelzung der Traditionen mit der Moderne.

Verwässerung der Ernsthaftigkeit
Die Wirkung der ostasiatischen Lebenstipps und die Aussagekraft des zentralen Themas, der Selbstmord und der individuelle sowie gesellschaftliche Umgang damit, verpuffen angesichts der in zeitgenössischen Romanen obligaten Liebeleien – ja wer ist schon dagegen? – und allzu banal anmutenden Erkenntnissen: Jeder ist mit jedem verbunden, Orte und Dinge sind beseelt. Und das nur, um zum Schluss zu gelangen: der Alltag ist das Wunder. Durch diese Verwässerungen verliert «Moshi Moshi» an Ernsthaftigkeit. Denn diese ist gegeben, und es besteht keinen Grund, sie abzuschwächen: Der Selbstmord ist eine vor allem in Japan und westlichen Staaten verbreitete, jedoch oft totgeschwiegene Tatsache. An einer Stelle des Buches schreibt Banana Yoshimoto: «Wir dürfen nicht den Fehler machen, von uns aus so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Wir müssen neu anfangen, und zwar von ganz unten, und froh sein, wenn wir uns an einem Tag mal nicht am Boden zerstört fühlen.» Der Roman verdeutlicht: Trauern braucht Zeit, und sei es unendlich lange – eine schier unmögliche Aufgabe angesichts des kollektiven Verdrängens des Todes in der Produktionsmaschinerie der Moderne, die nach Verwertungslogik funktioniert. «Moshi Moshi» begleitet Yotchan, und vielleicht auch die Leser, auf dem Weg, Mut für das eigene Leben zu finden.

Dieser Text erschien am 13. Mai 2017 im Urner Wochenblatt.


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