Schnurstracks kommt ein Mann Anfang 40 mit kantigem Gesicht auf der Strasse auf mich zu. «Du! Sorry gschwind! Hesch du miir ächt e chli Münz?» Seine Augen blinzeln unter der schwarzen Kappe und der Jackenkapuze hervor. Die Hände in die Hosentaschen vergraben.
«Ich ha grad ke Bargäld bi mier», sage ich. «Aber chasch mi gärn begleite. Ich hole grad Gäld fürs Mittagässe.»
«Ich bi de Reto.» Ich nicke.
Reto’s Umhängetasche baumelt beim Überqueren des nassen Zebrastreifens im Takt des Gehens. Ein Bein hinkt hinterher. Es ist verkrüppelt.
«Für was bruchsch denn Gäld?», frage ich Reto. «Ja weisch… Ha ke Wohnig meh, ke Job meh. Läbe uf de Strass. Sit 2 Monet.»
Sein Atem riecht nach Bier.
«Weisch ich wür nit fraage wenn i’s nit würkli bruucht.»
Es geschah vor 1 Jahr. Logistiker Reto macht eine Lieferung für einen Kunden fertig. Die Zeit drängt, der Chef macht Druck. Eine Steinplatte knallt Reto auf das Bein. Reto kann monatelang nicht arbeiten, dann wird ihm gekündigt. Seitdem wird Reto’s Fall hin und hergeschoben. Keine Versicherung will zahlen.
«Für mini Frau isch d’Belaschtig zgross worde. Sie het mich verlaa.» Reto blickt zum Boden und zuckt die Schultern hoch.
Ich hebe 50 Franken ab und gehe mit Reto in die Bäckerei und hole mir ein Sandwich mit Gemüse. An der Kreuzung vor der Bäckerei trennen sich unsere Wege. «Ich muess da lang», sage ich zu Reto. Das Retourgeld, 5 Franken und 75 Rappen, gebe ich ihm. Seine Hände sind mit Hornhaut und Furchen überzogen.